Autoren gesucht!
Erst sind es die Dialer, dann unfreiwillige Abos, mit denen naive Nutzer im Internet abgezockt werden. Aber es geht noch raffinierter. Im Land der Dichter und Denker schlummern Tausende unentdeckter Talente. Wer bedenkt wieviele Bücher halbwegs bekannter Autoren
jedes Jahr auf der Frankfurter Buchmesse vorgestellt werden, kann erahnen wie schwer es Lieschen Müller hat (Name von der Red. geändert), ihre gesammelt Werke bei einem renommierten Verlag überhaupt anbieten zu dürfen.
Doch zum Glück gibt es abseits vom “Massengeschäft” die kleinen Spezialverlage, die sogar Anzeigen mit dem Hilferuf “Wir suchen dringend Autoren” schalten. Dort wird erstmal jeder angehört. Wie schön. Und nach einer angemessenen Wartezeit kommt meist auch positives Feedback: Der Cheflektor findet das Buch gut, die Verlagsleitung hat zugestimmt. Alles sehr wichtige Leute. Doch leider, leider, leider ist das Budget für diesjährige Publikationen schon erschöpft. Man könne das “höchst interessante Konzept” aber trotzdem umsetzen, wenn sich der Autor an den Kosten beteiligen würde (wird später natürlich alles auf die reichlich fließenden Tantiemen angerechnet). — Nachtigall, ich hör dir trapsen…
Das Experiment
Um dieses Geschäftsmodell naiver Freizeitschreiber ad absurdum zu führen hat ein gewisser Herr “Beutlich” sich als Hobbyautor ausgegeben und bei “verdächtigen” Verlagen angefragt, wie der Spiegel in der Rubrik “für zwischendurch” berichtet. Als Beurteilungsgrundlage für die Verlage werden zunächst 9 Seiten einer extra für diesen Zweck zusammen gesponnen Story eingereicht, und ein Gesamtumfang von 842 Seiten angekündigt. Als die später vorgelegt werden sollen, werden rund 800 Seiten wahllos freie Texte aus dem Internet zusammen kopiert.
Trotzdem lehnt nur ein Verlag das “Manuskript” sofort ab, andere sehen durchaus “Potential“. Der eine Verlag will den “Roman” auf 350 Seiten eindampfen und für 3.000 bis 13.000 Euro veröffentlichen. Ein anderer Verlag kalkuliert für 600 Seiten mit “Komplettüberarbeitung” auch mal rund 30.000 Euro. Wohlgemerkt: Vom Autor zu zahlen — nicht umgekehrt! Kein Wunder, daß es in dieser Branche zweistellige Wachstumsraten geben soll.
Darauf angesprochen, sieht der Verlag keine Probleme und erklärt: “Der Text sei ‘für unsere dadaistische Buchreihe vorgesehen’ gewesen. Im Dadaismus würden ‘bekanntlich Versatzstücke repetitiv geschichtet, um eine Akzeleration des Textes zu erreichen und den Leser mit seinen Leseerwartungen zu konfrontieren’” (Quelle: a. a. O.). — Alle Achtung, der könnte auch Hörgeräte an Fledermäuse verkaufen.
Warum sich also mit 96 Euro für ein untergejubeltes Abo begnügen (daß inzwischen oft nur Ärger einbringt), wenn man für 30.000 Euro einem verkannten Genie einen Herzenswunsch erfüllen kann? Und wenn dann solch ein Buch tatsächlich im Buchhandel gekauft wird, kann man sogar doppelt kassieren.
