Tarif-Dschungel bietet Nährboden für Mogelpackungen

“Früher” ist Telefonieren einfach und kompliziert zugleich: Es gibt nur den Anbieter Deutsche Bundespost (heute: Telekom) und ein einziges Tarifmodell mit Ortstarif, Nah- und Fernbereich und als Nonplusultra Auslandstelefonate (nach Übersee). Es spielt eine Rolle, ob man vor 8.00 oder nach 20.00 Uhr oder dazwischen anruft oder bundeseinheitlicher Feiertag ist. — Wer ein Ferngespräch führt, faßt sich kurz, weiß nicht genau was es kostet, aber daß es relativ teuer wird. Mit etwas Befremden sieht man in amerikanischen Fernsehserien mit Telefon und Fernseher ausgestattete Kinderzimmer.

Heute ist Telefonieren einfach und kompliziert zugleich: Es gibt sowohl im Festnetz als auch im Mobilfunk mehrere deutschlandweit verfügbare Netzbetreiber und X-mal soviele Wiederverkäufer. Jeder bietet “maßgeschneiderte” Tarifmodelle, obwohl in der Praxis meist genau das Gegenteil darunter zu verstehen ist… Das erste Wort beim Sprechenlernen ist nicht mehr “Papa” oder “Auto”, sondern “Handy”. Ein Telefon kauft man nicht mehr zum Telefonieren, sondern um Fotos zu machen und MP3 zu hören. — Neben der Wahl der Telefon-Hardware gehört die Auswahl eines Mobilfunkvertrages zu den schwierigen Aufgaben…

Auf der Website tariftip.de stoße ich zufällig auf den Artikel “Debitel: Starter-Tarif zu gesalzenen Preisen“: Eine scheinbare günstige Grundgebühr von 2,95 Euro/Monat mündet in überdurchschnittlich teure Gesprächskosten bis 59 Cent/Minute!

Eine typische Flatrate, die nicht flat ist... (Quelle: Screenshot der Vodafone-Website am 20.7.2008)

Eine typische Flatrate, die nicht wirklich flat ist… (Quelle: Screenshot der Vodafone-Website am 20.7.2008)

Auch die bei Vodafone angebotene “SuperFlat” ist ein typisches Beispiel für “wenn” und “aber” bei Mobilfunkverträgen: Die Flatrate gilt nur fürs eigene Netz und das Festnetz, darüber hinaus gehende Gespräche sind mit 29 Cent/Minute eher teuer, die monatliche Grundgebühr ist mit 29,95 Euro/Monat teuer und in der Übersicht falsch angegeben (weil 19,95 nur für die ersten 6 Monate gilt), SMS sind teuer. Dazu kommt noch ein einmaliger Anschlußpreis von 24,95 Euro. Und obwohl Flatrate eigentlich für einfach und übersichtlich stehen soll, findet man unter “Details” satte 15 Fußnoten!

Hinweis: Die hier genannten Firmen und Verträge sind nur Beispiele zur Veranschaulichung sonst abstrakter Sachverhalte. Ähnliche Konstrukte gibt es — leider — bei fast allen Anbietern.

 

Kosten Beschreibung
Aktivierungsgebühr je nach Marktsituation, Vertrag oder “subventioniertem” Gerät bekommt man bei Abschluß eines neuen Vertrages Gesprächsguthaben geschenkt — oder muß eine Aktivierungsgebühr zahlen; manchmal wird auch beides miteinander verrechnet
Handling-Pauschale für die Bereitstellung von irgendetwas Selbstverständlichem wird kassiert, z. B. bei T-Mobil 30 Euro für die “Bereitstellung” des iPhones (zumindest der ersten Generation)
Deaktivierung wenn ich mich nicht irre, kostet Mitte der 1990er Jahre auch die Beendigung eines Vertrages eine “Deaktivierungsgebühr”; z. Zt. meines Wissens ausgestorben — aber man weiß ja nie…
Grundgebühr Fixkosten, die monatlich zu zahlen sind; im Gegensatz zur landläufigen Meinung sind Verbindungskosten nicht “automatisch” niedriger als bei Verträgen ohne Grundgebühr, oft wird damit nur das “subventionierte” Handy zurück bezahlt…
Mindestumsatz wo in Verträgen mit dem Hinweis “ohne Grundgebühren” geworben wird, kommt nicht selten ein Mindestumsatz um die Ecke; es fallen also monatliche Fixkosten an auf die aber Verbindungskosten angerechnet werden (manchmal allerdings wiederum nur bestimmte Arten…) — uninteressant für Wenig-Telefonierer
Taktung üblich sind 60/1, 1/1 und seltener 60/60, davon abhängig sind oft Grundgebühren oder Verbindungskosten
Gesprächskosten noch immer der komplexeste Posten mit vielen “wenn” und “aber”; unterschieden wird i. d. R. nach “netzintern”, “fremde Mobilfunknetze” und “Festnetz”; dazu kommen Taktung, Mindestumsatz und Roaming fürs Ausland; während grundgebührenfreie Prepaid-Karten im allgemeinen bei 10 Cent/Minute liegen, kosten ausgerechnet Verträge bis zu 80 Cent/Minute; Auslandseinsatz ist bei fast allen Anbietern in den Standardtarifen unverschämt teuer
SMS wie bei Gesprächskosten sind SMS bei Prepaid mit durchschnittlich 10 Cent/SMS günstiger als in vielen Verträgen mit ca. 20 Cent/SMS; im Ausland können Urlaubsgrüße locker auf 40 Cent/SMS steigen, MMS sollen u. U. sogar schon Mal im zweistelligen Euro-Bereich landen;
Achtung: Im Bereich SMS gibt es besonders viel Nepp, Vorsicht bei völlig unbekannten Anbietern mit unschlagbaren Konditionen!
Datentransfer es kommt darauf an, ob man direkt mit dem Handy Interseiten aufruft oder über das Notebook eine DVD herunterladen möchte: WWW und E-Mail per Handy sind bezahlbar (z. B. 24 Cent/Megabyte bei Simyo), bei großen Downloads und Ersatz eine Festnetzanschlusses mit DSL sollte man sich eher eine “Flatrate” ausgucken (ab ca. 25 Euro/Monat O2); bei Einzelnutzung kommt es dann wieder auf die Art der Abrechnung an: z. B. 10-Kilobyte-Taktung oder gleich für jedes angefangene Megabyte
Ausland noch immer eine Kostenfalle, obwohl die Anbieter von der EU zu “preiswerteren” Tarifen verpflichtet wurden (habe bei einem Urlaub Ende 2007 stolze 2,50 Euro/Minute gezahlt!), auch SMS und MMS sind erheblich teurer
Home-Zone ist die Taktik der Mobilfunkanbieter Kunden von Festnetzanschlüssen wegzulocken; für den Anschlußinhaber gibt es oft gute Konditionen — die aber nur in der “Home-Zone” gelten (also einer bestimmten Funkzelle). Man sollte aber auch berücksichtigen, welche Konditionen für den Anrufer gelten (damit Mamma zwei Straßen weiter nicht ein teures Mobiltelefonat zahlen muß) und ob man z. B. seine alte Ortsnetznummer behalten kann
Freiminuten bei Freiminuten wird gern so getan, als ob man sie geschenkt bekomme, tatsächlich bezahlt man sie aber selbst über Grundgebühren oder besondere Vorauszahlungen auf Prepaid-Karten (z. B. in alten Simyo-Tarifen bekommt man für 15 Euro Einzahlung 15 Minuten netzintern)
Verwaltung Einzelverbindungsnachweis, Mailbox, Rufumleitung — verfügbar oder mit Extra-Kosten verbunden? Prepaid: wie funktioniert die Aufladung: Guthaben am Kiosk kaufen, per SMS oder autom. per Bankeinzug (vor allem auf Reisen ins Ausland interessant, wenn der Kiosk keine deutschen Provider kennt) — nachdem bereits 2005 bei meiner “X-tra Card” 30 Euro ohne Nachweis verschwunden sind, schätze ich den EVN bei Simyo (jederzeit online abrufbar)
Vertragslaufzeit bei Verträgen i. d. R. 2 Jahre, in denen nutzungsunabhängige monatlich Fixkosten anfallen (z. B. Grundgebühr, Mindestumsatz); seit bei Prepaid das Verfallsdatum für Guthaben praktisch abgeschafft ist, spielt Laufzeit kaum eine Rolle mehr (es gibt aber unerfreuliche “Sonderregeln” für Selten-Telefonierer z. B. nach 3 oder 6 Monaten absoluter Nichtbenutzung).
Verfall von Guthaben Verfall von Guthaben kommt nur bei Prepaid in Betracht; dort sind die kurzen Fristen von einigen Tagen/Wochen zwar weitgehend abgeschafft, aber für echte Selten-Telefonierer können sich im Kleingedruckten Fußangeln verstecken wie beispielsweise eine “Grundgebühr” nach 3 Monaten Nichtbenutzung oder Aufschläge bei Gesprächskosten, wenn das Guthaben “zu gering” ist
subventionierte Geräte bei Vertragsabschluß werden insb. Neukunden mit (angeblich) preisgünstigen Telefonen gelockt — hier unbedingt nachrechnen und die Preise auf dem freien Markt vergleichen, denn oft finanziert man das “geschenkte” Handy über die Grundgebühr selbst; mit gebrauchten Geräten kann man außerdem erheblich sparen, der Wertverfall bei Schickimicki-Highend-Geräten ist groß
Zugaben bei Zugaben wie Spielekonsolen oder Notebooks muß man noch genauer nachrechnen: oft kommen alle in dieser Liste genannten Zusatzkosten zum Tragen und meist auch noch für ein Geräte-Paar — also jeweils doppelt…
(C) Oberlehrer.de

Weitere Informationen

Bei Netzwelt gibt es eine Tarif-Übersicht und Erläuterungen zu Prepaid-Tarifen “Frei und ungebunden: Günstig telefonieren mit Prepaid-Discountern” sowie eine ausführliche Einführung “Handy-Tarifberater: Licht im Tarif-Dschungel“.

Es gibt also keinen “besten” Tarif, denn es kommt auf die individuelle Nutzung an. Gerade “Flatrates” sind oft nur scheinbar günstig, zumal die intensive Nutzung oft Ärger bringt (und deshalb oft gar nicht von einer Flatrate die Rede sein kann). Warum überhaupt einen “Vertrag”? Die damit verbundenen Fixkosten in Form einer Grundgebühr oder Mindesumsatzes sind oft nicht mit geringeren Gesprächskosten verbunden, wie oft “gefühlsmäßig” angenommen wird. Inzwischen lohnt selbst der Umstieg auf Mobiltelefonie, wenn man das Telefon nur zu Hause nutzen möchte. Es ist ratsam, eine Checkliste genau durchzugehen und Lücken in der Tarif-Beschreibung nicht mit “wird schon so sein” zu übergehen. Die interessantesten Passagen findet man oft hinter den berühmten Sternchen im Kleingedruckten (ein hippes Handy wird da schnell zum teuren Vergnügen). — Ein informierter Kunde läßt sich nicht so leicht über den Tisch ziehen und bekommt trotzdem einen guten Tarif.

2 Comments

  • By Marcel, 25. May 2010 @ 15.02

    Hallo! Vielen Dank für diese Super-Checkliste, sowas hatte ich schon länger gesucht. Auch wenn dieser Artikel glaube ich schon etwas älter ist (2008?!) so trifft meiner Ansicht immer noch eine Menge der Infos ins Schwarze! Mit Hilfe dieser kritischen Checkliste für alle Knackpunkte im Handy-Vertrag, die unaufmerksamen Kunden sonst unnötiges Geld kosten, kann man vor Vertragsabschluss in Ruhe zu Hause das Kleingedruckte studieren und sich dann erst entscheiden. Hab mir die Seite auf jeden Fall als Bookmark gesetzt und werd sie beim nächsten Vertragsabschluss garantiert rauskramen. Trotzdem schade das der anscheinend fruchtbar enge Wettbewerb zwischen den Mobilfunkanbietern und ihren diversen Resellern fast nur noch über Produkt-”Innovationen” läuft, die sich nah am Rand zur Mogelpackung bewegen…
    VG Marcel

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  1. Deine Tarif Infos » Re: Wer will so einen Tarif haben? - Snafu wandelt DSL-Flatrate in Volumentar… — 31. July 2008 @ 02.04

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